1. Einführung

Der Milchviehbetrieb in sehr guter Lage eines Metropolraums hat sich in den letzten 20 Jahren sehr stark entwickelt. Bis zum Jahr 2006 lebten vier Generationen unter einem Dach. Heute lebt die Übernehmerfamilie mit ihren drei Kindern im eigenen Wohnhaus. Es werden 70 Milchkühe gehalten. Die Nachzucht ist zum Teil in einem kooperierenden Betrieb ausgelagert. Es werden 70ha landwirtschaftliche Fläche bewirtschaftet.

2. Betriebsleiter-Profil

Name Keine Angabe
Alter 42
Geschlecht Männlich
Ausbildung Landwirtschaftsmeister/ Mechaniker-Geselle; Mitglied des Prüfausschuss für die landwirtschaftliche Lehre.
Familienstand Verheiratet
Eingetragener Lebenspartner 3

3. Betriebsprofil

Adresse Freistaat Bayern
Betriebsfläche 70 ha
Seit wann ist der Betrieb in Familienbesitz? Seit fünf Generationen
Zahl der Mitarbeizter (Familienangehörige) 2 (Vollzeit) 1 (Teilzeit)
Zahl der Mitarbeiter (Andere Mitarbeiter) 0 (Vollzeit)

BESCHREIBUNG DES BETRIEBS VOR DER ÜBERGABEN

Bereits 1996 wurde vom Vater (Übergeber) mit dem Sohn (Übernehmer) eine operative Vater-Sohn-Gesellschaft gegründet. Der Übergeber ging ab diesem Zeitpunkt einer Vollzeit-Anstellung in der Gemeinde nach. Zu diesem Zeitpunkt wurden 25 Milchkühe mit Nachzucht gehalten und 30ha LF bewirtschaftet. Die alte Hofstelle war in den 70er Jahren neu aufgebaut worden, nachdem ein Brand sie völlig zerstört hatte. Im Jahr 1998 wurde eine Stallhülle für 70 Kühe mit teilweiser Nachzucht gebaut. Die Kapazitäten wurden schrittweise ausgenutzt. Zunächst wurde auf 40 Milchkühe und Nachzucht erhöht. Der Hintergrund für das schrittweise Vorgehen war der zu dieser Zeit sehr hohe Preis für zusätzliches Milchkontingent. Rund um die Berechnung der erforderlichen Kontingente für den Stallbau gab es Komplikationen, da unklar war, ob die sehr gute Herdenleistung des Betriebs ausschlaggebend für das anzuschaffende Kontingent war, oder der Durchschnitt der Region.

BESCHREIBUNG DES BETRIEBS NACH DER ÜBERGABE

Seit der Übergabe im Jahr 2007 – der Übergeber war zu dieser Zeit 55 Jahre alt – wurde der Betrieb nochmals behutsam vom Übernehmer weiterentwickelt. Die Herdenleistung ist gut, und mittlerweile wird ein Teil der Milch zu Käse verarbeitet und über eine Metzgerei in Kooperation vermarktet. Der Landwirt ist im Arbeitskreis der Milchviehhalter im Amt für Landwirtschaft organisiert und im Prüfausschuss für die landwirtschaftliche Lehre. Er hat ein Auge darauf, den Betrieb auch arbeitswirtschaftlich im Griff zu behalten. Neben der Frau und dem Sohn hilft seine Mutter im Betrieb beim Melken. Die Vernetzung mit Berufskollegen und die Offenheit für gute Begegnungen hilft der Übernehmerfamilie sehr in der Betriebsausrichtung, die noch weiter in Richtung Direktvermarktung und evtl. auch Heumilch oder Biomilch gehen wird.

4. Übergabe-prozess

Alle Beteiligten waren immer am harmonischen Zusammenleben interessiert. Faktisch ging es in der Anfangszeit gar nicht anders, da von 1997 bis 2007 vier Generationen unter einem Dach wohnten. Alle Beteiligten arrangierten sich. Doch es war vor allem der Übernehmer-Familie klar, dass dies kein Dauerzustand sein kann. Auslöser für die Übergabe war dann schließlich der Neubau eines Wohnhauses des Übernehmers und damit in Verbindung die Fragen der Vermögensübertragung und Abfindung der weichenden Erben. In diesem Zuge kamen überraschend hohe Forderungen der beiden Geschwister des Übernehmers auf. Es wurde Beratung hinzugezogen, um nicht in einer zu emotionalen Diskussion die Harmonie der Familie zu gefährden. Durch die Moderation der externen Beratung konnte eine Einigung gefunden werden, die zwar eine hohe finanzielle Belastung für den Übernehmer bedeutete, aber für alle Beteiligten in Ordnung war. 

Das Wichtigste war für den Übernehmer und seine Ehefrau, dass nun alles endlich geregelt war, und im eigenen Wohnhaus auch Freiraum entstand. Die Frau des Übernehmers stellt ganz klar heraus: “Eigener Wohnraum hilft! Man braucht auch seinen Freiraum mit der eigenen Familie!” 

Heute ist das Verhältnis mit allen Beteiligten gut. Unter der Woche wird bei den Senioren im Haus gegessen. Es gibt eine gemeinsame Gefriertruhe, in der sich jeder bedient. Keiner schaut auf den letzten Cent. Der 15-jährige Sohn ist in Landwirtschaftslehre. Er möchte in den Betrieb einsteigen. So sehen alle Beteiligten die heutige Situation und das Ergebnis der Hofübergabe als Erfolg.

Probleme und Herausforderungen

Absicherung von Familie und der Ehefrau: viele Betriebe und auch Vater-Sohn-Gesellschaften laufen so vor sich hin. “Es wird schon irgendwann übergeben werden!” Damit haben sich schon viele Betriebe verkalkuliert. Es ist wichtig, auch an die Absicherung der jungen Familien und der Ehepartner zu denken. Insofern war es am Betrieb höchste Zeit, die Dinge zu regeln.

Loslassen: Das Loslassen war in diesem Betrieb besonders schwer für die Ehefrau des Übergebers. Der Übergeber war mittlerweile schon über zehn Jahre in Festanstellung und hatte mit dem landwirtschaftlichen Betrieb in der Praxis nur noch wenig zu tun. Seine Frau war jedoch mitten drin im Geschehen, und hatte Angst, dass sich mit der Übergabe etwas ändert.

Wohnraum: Es ist wichtig, getrennt voneinander zu leben. Es geht. Man kann sich arrangieren. Aber wenn die Möglichkeit besteht, sollte jede Familie einen eigenen Wohnraum haben. Zumindest eigene Eingangstüren zu den Wohnungen.

Betriebswirtschaft: es ist schwierig, alles auf einmal zu leisten. Natürlich wäre es immer besser, zunächst etwas anzusparen, und dann zu investieren. Für diesen Betrieb kam aber vieles auf einmal: Abfindung weichender Erben; Investitionen in den Betrieb und der Wohnhausbau. Dabei hatte der Betrieb Vorrang: “zuerst Geld verdienen, dann privat investieren!”

Wichtige Fähigkeiten und Kompetenzen

Kommunikation: es ist sehr wichtig, zwischen den Generationen im Gespräch zu sein. Dies war in der erfolgten Übergabe nicht optimal. Die Übernehmer wollen es anders machen. Sie sprechen bereits heute immer einmal wieder mit ihren Kindern das Thema an, und erklären, auf was es aus ihrer Sicht ankommt. 

Kompromiss-Fähigkeit: nur so kann am Ende ein Gefühl der Gerechtigkeit entstehen.

Rhetorik: dies ist ganz wichtig: nicht nur um seine Position darzustellen und klar zu machen, wohin man will. Sie hilft auch in der Kommunikation allgemein.

Netzwerk und Austausch: dies ist sehr wichtig. Nicht nur innerhalb der Landwirtschaft, auch außerhalb. Die Ehefrau des Übernehmers ist Chorleiterin der Landfrauen, und als Käse-Sommelier in Kontakt mit Vertretern von Verarbeitung und Handel.

 

“Es ist wichtig, sich darauf zu konzentrieren, was man kann! Was kann ich leisten, was nicht! Dort hin muss man den Betrieb entwickeln. Die Grundlage dazu ist die Gemeinschaft in der Familie. Wenn diese leidet – auch in der Hofübergabe – wird es schwer für den Betrieb!”

RAT

5. Überlegungen, Fähigkeiten, Kompetenzen die für den Übergabeprozess wichtig sind, sowie Fragen und Reflektion

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